Nov 17, 2009
H. Peck

Twitter-Zahlen: Stochern im Dunklen?

Nach langer skeptischer Beobachtungsphase habe ich mich vor einiger Zeit zur aktiven Twitter-Nutzung entschlossen. Mich interessierte nun, wen ich mit Twitter überhaupt erreiche. Es soll ja nicht Selbstzweck sein, sondern mir

  • interessante Informationen zugänglich machen (die ich bisher über Suchmaschinen fand) und
  • neue geschäftliche Kontakte verschaffen.

Also recherchierte ich die Twitter-Reichweite im Web. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe wenige bis keine wirklich belastbaren Daten im Netz gefunden. Das liegt u.a. daran, dass fast alle Daten, die veröffentlicht werden, nicht repräsentativ sind. Spiegel online schreibt dazu:

… es mangelt an verlässlichen Daten zur Internet-Nutzung und Internet-Demografie. Wie schwierig es ist, an die zu kommen, zeigen die Versuche von PR-Agenturen, New-Media-Beratern und etablierten Marktforschungsinstituten, die gefühlte Wichtigkeit von Twitter mit Zahlen zu untermauern.

Eine verlässliche Datenquelle wären Online-Panels. Solche Online-Panels sind teuer und aufwendig. Die einzigen mir bekannten Studien, die auf Online-Panels beruhen, sind die von Nielsen.

Das Wachstum von Twitter

Mich interessieren in erster Linie (zumindest für neue geschäftliche Kontakte) deutsche Nutzer, da ich nicht international tätig bin. Diese Zahlen wurden im September 2009 in der F.A.Z. ineinem Artikel über deutsche Twitter-User veröffentlicht, der sich wohl auf eine Nielsen-Studie stützt. Auf diese Zahlen bezogen ergibt sich folgendes Bild:

Monat Besucher/Monat
April 970.000
Mai 1.380.000
Juni 1.810.000
Juli 1.990.000
August 2.360.000

Gleichzeitig schreibt die F.A.Z. folgendes:

Nach Berechnungen von Google Trends für Websites sind in Deutschland jeden Tag etwa 55.000 Menschen auf Twitter.com aktiv.

Hier die dazu passenden aktuelle Grafik von Google Trends für Websites:

Tatsächlich kann man der Grafik entnehmen, dass im August etwas mehr als 50.000 deutsche Besuche auf twitter.com unterwegs waren. Nehmen wir an, es waren im August etwa 52.000 User/Tag, dann kommen wir auf 52.000 User x 30 Tage = 1.560.000 User/Monat. Das sind etwa 800.000 User weniger, als von Nielsen angegeben. Eine erste Erklärung wäre, dass ein Teil der Twitter-Nutzer Twitter als Feed oder über andere Tools nutzen. Aber hierzu heißt es mit Bezug auf die Nielsen-Studie:

Nicht gemessen werden die Nutzer, die eine Twitter-Applikation wie Tweetdeck nutzen. Nach Schätzungen setzt etwa die Hälfte der Twitter-Nutzer eine solche Applikation ein, um Twitter bequemer bedienen zu können.

Der “Netzökonom” Holger Schmidt geht auf den Widerspruch nicht näher ein. Eine Erklärung findet man beim ‘werbeblogger’. Dort heißt es zu google ‘Trends’:

Wer sich mit einem Google-Konto einloggt, erhält dann auch Zugriffszahlen in der Y-Achse des Charts. Dort allerdings stimmen im Vergleich zu unseren Google-Analytics-Daten die Zahlen nur noch im Trend, aber nicht absolut; die bei Google-Trends nach Login ausgewiesenen Zugriffszahlen kann man locker verdoppeln.

SISTRIX hat zwei interessante Beiträge veröffentlicht: Einen über das Twitter-Wachstum und einen zweiten über die Twitter-Nutzung. Interessant vor allem deshalb, weil er die Daten dazu mühevoll über die Twitter-API erhoben hat. Die Daten sind sehr umfassend, aber aufgrund der Methode der Erhebung auch mit einer gewissen Unsicherheit behaftet.

Ich habe die von SITRIX erhobenen Zahlen etwas anders ausgewertet und die monatlichen Zuwächse aufsummiert und zusammen mit den kumulierten Daten dargestellt.

In der Auswertung von SISTRIX wird die absolute Anzahl der Accounts mit dem relativen Anteil der aktiven Accounts dargestellt. Es werden sinkende Zahlen für aktive Nutzer bei steigenden Accounts beschrieben. Dieser Trend müsste sich – wenn die Zahlen richtig sind – auch in einem Vergleich des Accountwachstums mit den Google Visitors ergeben. In der Grafik sind diese Zahlenreihen gegenübergestellt, wobei folgendes beachtet werden muss: Dem Rat vom ‘werbeblogger’ folgend habe ich die Google-Daten ‘locker verdoppelt’. Die SISTRIX-Daten habe ich wegen der besseren Darstellbarkeit kurzerhand durch drei dividiert, da mir nur eine qualitative Darstellung wichtig war.

In dieser Grafik lässt sich der schon von SISTRIX beschriebene Trend sehr schön zeigen: Bis etwa 03/09 hinkten die Accounts den Visitors proportional hinterher. Ab diesem Zeitpunkt dreht sich das Verhältnis um und die Zahl der Accounts steigt überproportional an, während die Zahl der Zugriffe stagniert. Ein sicheres Zeichen dafür, dass ab diesem Zeitpunkt viele Accounts weder aktiv noch passiv genutzt werden.

Die Twitter-Nutzung

Auch liegt ein ähnlicher Trend vor. Im SISTRIX-Blog heißt es dazu:

Hatte sich der Wert bis vor wenigen Monaten bei rund 15 Tweets pro Account und Monat eingependelt, ist er in den letzten Monaten des rasanten Account-Wachstums stark zurückgegangen und geht aktuell gegen 5. In den Kommentaren des letzten Postings wird die geringe Nutzung der neuen Accounts damit erklärt, dass diese möglicherweise eher passiv, also als reiner Leseaccount genutzt werden. Ist von außen schwer zu sagen, diese Zahlen hat wohl nur Twitter.

Ich gehe hier einen Schritt weiter. Nach meiner Meinung belegt der rein qualitative Vergleich Accounts vs. Google bereits, dass eine große Anzahl vonn Accounts garnicht genutzt wird.

Rund 60 Prozent der Nutzer kehren Twitter also bereits einen Monat nach Registrierung den Rücken, so ermittelt das auch Nielsen. Andere Social-Media-Dienste, wie etwa das MySpace, erreichten zu einem vergleichbaren Entwicklungsstand eine doppelt so hohe Bindungsrate. Was heißt das nun in absoluten Zahlen für deutsche Accounts?

Nach den web evangelisten waren im August 2009 ca. 220.000 deutschsprachige Accounts bei Twitter.com registriert. Folgt man einer sehr umfangreichen Studie von sysomos vom Juni 2009, so posten 85,3 Prozent der Nutzer weniger als ein Update pro Tag, 21 Prozent haben überhaupt noch nie einen Tweet abgesetzt. Bricht man diese Zahlen auf den deutschsprachigen Raum herunter, so bedeutet das im Umkehrschluss: Nur 15 % der Nutzer sind wirklich aktive Nutzer oder nur 33.000 der deutschsprachigen Accounts wird tatsächlich genutzt. Die ‘web evangelisten’ gehen von 174.000 aktiven deutschsprachigen Accounts aus, wobei ‘aktiv’ dabei dejenige ist, der mehr als einen Tweet im Monat absetzt. Ich bezweifle, dass solche Nutzer in der Lage sind, Twitter außer als zur Unterhaltung sinnvoll zu nutzen.

Interessant ist die Zsammensetzung nach Altersgruppen (Quelle: Nielsen)

Age Group Unique
Audience
Composition %
2 – 17 250.000 3.6
18 – 24 ** **
25 – 34 1.379.000 19.6
35 – 49 2.935.000 41.7
55+ 1.165.000 16.6
65+ 477.000 6.8

Das stimmt doch zuversichtlich. Es sind die Altersgruppen am stärksten vertreten, in denen sich Entscheider befinden.

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